Zwischen zwei Welten
Ich wurde in der Schweiz geboren, doch meine Geschichte begann zwischen zwei Welten.
Kurz nach meiner Geburt wanderten meine Eltern nach Chile aus. Die ersten fünf Jahre meines Lebens verbrachte ich dort. Kurz nachdem ich in den Kindergarten kam, kehrten wir zurück in die Schweiz.
Damals verlor ich etwas, das ich erst viel später verstehen sollte. Ein Teil meiner Identität blieb in Chile zurück. Ein Teil meiner Heimat auch. Ich wuchs fortan zwischen zwei Kulturen auf, ohne wirklich zu wissen, wo ich hingehörte.
Als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich zum ersten Mal Suizidgedanken. Ich erinnere mich noch daran, wie ich über den Tod nachdachte und mich fragte, wie es wäre, einfach zu gehen.
Eine tiefe Melancholie lag über mir. Eine Sehnsucht. Etwas Dunkles und gleichzeitig etwas, was ich liebgewinnen würde – und worin ein grosses Potential stecken sollte.
Als die Familie zerbrach
Meine Mutter wuchs in einfachen Verhältnissen in einer Grossfamilie in Santiago de Chile auf. Sie suchte ein besseres Leben in Europa und floh gleichzeitig vor Teilen ihrer eigenen Herkunft. Mein Vater stammt aus einer Schweizer Handwerkerfamilie. Als junger Mann brachte er sich das Goldschmieden selbst bei und baute später mit grossem Einsatz seine eigene Selbständigkeit auf.
Von meiner Mutter habe ich die Fähigkeit mitbekommen, auch in schwierigen Situationen wieder etwas aufzubauen. Von meinem Vater die Beharrlichkeit, Träume nicht aufzugeben, sowie die Kreativität und Kraft, Ideen in die Realität zu bringen.
Als ich zwölf war, nahmen die Konflikte zwischen meinen Eltern deutlich zu. Ich kam ins Gymnasium und versuchte, mein Leben nach aussen möglichst normal weiterzuführen. Kaum jemand wusste, wie schwierig es bei uns zuhause war.
Als ich fünfzehn war, trennten sich meine Eltern endgültig. Die Familie lag in Trümmern.
Kurz darauf fiel ich in meine erste schwere Depression begleitet von körperlichen Beschwerden. Was ich damals erlebte, war nicht einfach Traurigkeit. Es waren Leere, tiefe Sinn- und Hoffnungslosigkeit sowie eine unendliche Schwere.
Ich begann Cannabis zu konsumieren und machte meine erste Therapie.
Nach aussen funktionierte ich weiter. Die letzten Jahre des Gymnasiums verbrachte ich zwischen Rauchschwaden, langen Nächten und dem Versuch, etwas zu betäuben, das ich nicht benennen konnte.
Eigentlich wollte ich nur weg. Weg von zuhause, von diesem Ort und von dem, was ich fühlte.
Und gleichzeitig begann sich tief in mir etwas zu bewegen. Ich spürte Schmerz und hielt ihn für Weltschmerz. Ich sah Ungerechtigkeit, Zerstörung und Leid überall um mich herum. Doch ich war noch viel zu weit von mir selbst entfernt, um zu erkennen, dass ein Teil dieses Schmerzes aus meinem eigenen Inneren kam.
Die Suche nach einem Ausweg
Nach der Matura zog ich nach Zürich und begann Jura zu studieren. Ein Teil von mir suchte Anerkennung, Prestige und Sicherheit. Ein anderer wollte verstehen, wie die Welt funktioniert. Und tief darunter lagen Fragen, die ich damals noch nicht bewusst stellen konnte:
Was war in meiner Familie geschehen? Was war schiefgelaufen? Und weshalb fühlte ich mich innerlich so verloren?
Ich pendelte zwischen der Rolle der ambitionierten Jurastudentin und einer anderen Kraft in mir, die ausbrechen wollte. Die Freiheit und etwas Echtes suchte. Der Cannabiskonsum begleitete mich weiterhin in der Hoffnung, dort meine Antworten zu finden.
Als die Realität auseinanderfiel
Mit neunzehn machte ich meine ersten Erfahrungen mit psychedelischen Substanzen. Mein erster LSD-Trip führte mich unmittelbar an Grenzen, die ich bis dahin nicht einmal gekannt hatte. Ich erlebte Himmel und Hölle – Liebe und Angst – Ekstase und Vernichtung.
Ein weiterer Konsum löste einen massiven Backflash aus. Ich hatte das Gefühl, nie mehr aus diesem Zustand herauszufinden. Als wäre ich für immer in diesem Horror gefangen.
Ich erinnere mich daran, wie ich draussen auf einer Wiese lag und immer wieder sagte:
"Ich muss aufwachen."
Doch etwas in mir wusste gleichzeitig, dass dieser Zusammenbruch vielleicht auch ein Anfang war. Die folgenden Monate waren die seltsamste Zeit meines Lebens: Panikattacken, Halluzinationen, Realitätsverluste. Und das täglich, über Monate hinweg. Es war der pure Wahnsinn. Nach Aussen hin funktionierte ich weiter, schloss meinen Bachelor ab. Ich liess niemanden wissen, was in mir wirklich vor sich ging.
Zurück in den Körper
In dieser Zeit begann etwas in mir zu erwachen. Ich fing intuitiv an, Yoga zu praktizieren. Und zum ersten Mal spürte ich, wie koordinierte Bewegung und bewusster Atem mich zurück in meinen Körper und in die Realität brachten.
Ich begann wieder Boden unter den Füssen zu finden. Und langsam erkannte ich etwas, das mein Leben für immer verändern sollte: ich hatte den Kontakt zu meinen eigenen Gefühlen total verloren.
Über Jahre hatte ich gelernt, sie zu verdrängen, zu kontrollieren oder zu umgehen. Nun musste ich lernen, sie wieder zu fühlen – Schritt für Schritt – Atemzug für Atemzug.
Über viele Jahre intensiver Yogapraxis und unterschiedlichster Selbsterfahrungsräume fand ich langsam zurück zu mir. Zum ersten Mal konnte ich Gefühle bewusst in meinem Körper wahrnehmen. Sie waren nicht länger diffuse Zustände. Sie wurden konkret, spürbar und greifbar.
Und plötzlich begann ich auch die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen. Etwas, das mich gleichzeitig faszinierte und verunsicherte.
Doch tief in mir wusste ich: Danach – nach dem Fühlen – hatte ich mein ganzes Leben gesucht. Und damit einhergehend trat noch etwas anderes immer deutlicher in mein Bewusstsein: Meine Todessehnsucht.
Die Begegnung mit dem Tod
Die Frage nach dem Tod hatte mich bereits als Kind begleitet. Nun stand sie offen vor mir. Ich dachte täglich an den Tod. "Memento Mori" war mein Leitspruch. Jeder Tag könnte mein letzter sein, also was sollte ich tun? Manchmal nahm ich den Tod körperlich wahr. Als Kälte in meinem rechten Nierenbereich und als ständige Einladung.
Damals glaubte ich noch, dass im Tod vielleicht jene Einheit liegen könnte, nach der ich mich mein Leben lang gesehnt hatte. Ich war überzeugt, dass ich jung sterben würde.
Logischerweise wurde die Frage immer drängender: Wenn das Leben endlich ist, wofür will ich es wirklich einsetzen?
Das Ja zum Leben
So verliess ich mit dreissig Jahren meinen gut bezahlten Job als Umweltjuristin. Ich konnte nicht länger ein Leben führen, das zwar erfolgreich und geordnet aussah, aber sich leer anfühlte und nicht meinem innersten Ruf entsprach.
In dieser Zeit geschah etwas, das rückblickend mindestens so bedeutsam war wie meine berufliche Neuorientierung: Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich den Wunsch, selbst Leben zu gebären.
Das mag selbstverständlich klingen. Für mich war es das nicht. Viele Jahre hatte ich mich innerlich mit dem Tod beschäftigt. Nun entstand plötzlich etwas Neues: Ein Wunsch nach Zukunft, nach Weitergabe – der Wunsch, dass Leben durch mich hindurchfliessen könnte.
Es war das erste Mal, dass ich wirklich spürte, dass ein Teil von mir nicht mehr sterben, sondern leben wollte.
Warum ich heute tue, was ich tue
Nur wenige Monate später begegnete ich Manuel. Als ich ihn kennenlernte, traf ich einen Menschen, der keine Angst hatte, dorthin zu schauen, wo es weh tat.
Er brachte mir nicht ein neues Konzept oder eine neue Theorie, sondern die Aufforderung zur konsequenten Konfrontation mit meiner Herkunft: Mit meiner Familie, mit den Generationen vor mir, mit den Geschichten, die lange vor meiner Geburt begonnen hatten.
Und er blieb, auch dort, wo die Angst gross wurde, der Schmerz unerträglich schien und die Wut ungefiltert aus mir herausbrach. Er blieb, wenn ich am liebsten davongelaufen wäre, um wieder in den Tod zu gehen.
Nach und nach verstand ich etwas, das ich vorher nicht hatte sehen können:
Viele Antworten, nach denen ich mein ganzes Leben gesucht hatte, lagen nicht in der Zukunft, sondern in meiner Vergangenheit. Und sie warteten darauf, gefühlt zu werden.
Die Geburten unserer Kinder vertieften diesen Prozess nochmals auf eine Weise, die ich nie hätte planen können. Dort, wo früher Todessehnsucht gewesen war, entstand Schritt für Schritt ein immer tieferes JA zum Leben.
Für unsere Kinder und für kommende Generationen wünsche ich mir eine Welt, in der Menschen wieder lernen, sich selbst und einander tiefer zu begegnen. Eine Welt, in der wir mit Schmerz, Angst und Konflikten anders umgehen. Eine Welt, in der wir nicht vor uns selbst davonlaufen müssen, sondern lernen, mit dem in Kontakt zu bleiben, was in uns lebendig ist. Eine Welt, in der Menschen erfahren dürfen, was es bedeutet, wahrhaftig verbunden zu sein – mit sich selbst, mit anderen und mit dem Leben.
Für diese Welt arbeite ich heute – gemeinsam mit Manuel, meinem Lebenspartner und Vater unserer Kinder.